{"id":6440,"date":"2012-12-18T17:00:20","date_gmt":"2012-12-18T16:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/asile.ch\/wp\/?p=6440"},"modified":"2021-09-10T13:59:12","modified_gmt":"2021-09-10T11:59:12","slug":"andre-kuhn-wie-ist-die-ueberreprasentation-von-auslandern-in-der-kriminalitat-zu-erklaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/asile.ch\/en\/2012\/12\/18\/andre-kuhn-wie-ist-die-ueberreprasentation-von-auslandern-in-der-kriminalitat-zu-erklaren\/","title":{"rendered":"Andr\u00e9 Kuhn | Wie ist die \u00dcberrepr\u00e4sentation von Ausl\u00e4ndern in der Kriminalit\u00e4t zu erkl\u00e4ren?"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Wie ist die \u00dcberrepr\u00e4sentation von Ausl\u00e4ndern in der Kriminalit\u00e4t zu erkl\u00e4ren?<\/strong><\/h2>\n<h3><strong>Andr\u00e9 Kuhn, Professor f\u00fcr Kriminologie und Strafrecht an den Universit\u00e4ten Lausanne, Neuenburg und Genf<\/strong><\/h3>\n<h4 style=\"text-align: right;\"><a title=\"Fl\u00fcchtlinge \u2013 Fakten statt Vorurteile\" href=\"http:\/\/asile.ch\/vorurteile\/\">Fl\u00fcchtlinge | Fakten statt Vorurteile<\/a><br \/>\n<a title=\"Contacts\" href=\"http:\/\/asile.ch\/contacts\/\">Bestellen<\/a><\/h4>\n<div class=\"c-block--box c-block--default\"><div class=\"c-block--box-inner\">&nbsp;<a href=\"http:\/\/asile.ch\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Kuhn_DFINAL.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andr\u00e9 Kuhn | Wie ist die \u00dceberrepr\u00e4sentation von Ausl\u00e4ndern in der Kriminalit\u00e4t zu erkl\u00e4ren?<\/a>&nbsp; (PDF)<\/div><\/div>\n<p><em>Dieser Artikel ist am 28 September in \u201eVivre Ensemble\u201c erschienen (<a title=\"Andr\u00e9 Kuhn | Comment s\u2019explique la surrepr\u00e9sentation des \u00e9trangers dans la criminalit\u00e9?\" href=\"http:\/\/asile.ch\/2012\/10\/06\/andre-kuhn-comment-sexplique-la-surrepresentation-des-etrangers-dans-la-criminalite\/\">Andr\u00e9 Kuhn | Comment s&rsquo;explique la surrepr\u00e9sentation des \u00e9trangers dans la criminalit\u00e9<\/a>, <abbr class='c2c-text-hover' title='Revue Vivre Ensemble'>VE<\/abbr> 139\/septembre 2012)<\/em><\/p>\n<p><em>Deutsche \u00dcbersetzung von Nadine Buchmann&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><strong><div class=\"c-block--box c-block--default\"><div class=\"c-block--box-inner\"><\/strong><\/p>\n<p><strong>Im vorliegenden Artikel soll versucht werden, auf einfache Weise aufzuzeigen, wie sehr die Verwendung von bivariaten Statistiken irref\u00fchrend sein kann. So k\u00f6nnen diese sogar den Eindruck erwecken, dass die Farbe des Passes einen Einfluss auf die Straff\u00e4lligkeit haben k\u00f6nnte, auch wenn dem keineswegs so ist. <\/strong><\/p>\n<h4><strong>I. Einf\u00fchrung: In Sachen Kriminalit\u00e4t ist es bei der Staatsangeh\u00f6rigkeit wie bei der K\u00f6rpergr\u00f6sse<\/strong><\/h4>\n<p>Wie Leser dieses Beitrags wahrscheinlich schon geh\u00f6rt haben, begehen Erwachsene, die gr\u00f6sser sind als 1,75m mehr Straftaten als diejenigen, die weniger als 1,75m messen&#8230; Dies ist eine kriminologische Erkenntnis, deren Grund ganz einfach darin liegt, dass die erwachsene Bev\u00f6lkerung mit einer K\u00f6rpergr\u00f6sse von mehr als 1,75m haupts\u00e4chlich von M\u00e4nnern gebildet wird, w\u00e4hrend unter Erwachsenen, die weniger als 1,75m messen, Frauen stark \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind. Wenn man dazu noch weiss, dass M\u00e4nner \u00f6fter als Frauen Straftaten begehen, ist es logisch, dass die gr\u00f6sseren Erwachsenen den L\u00f6wenanteil der Straftaten begehen. Dennoch wird jeder leicht verstehen, dass diese \u00dcberrepr\u00e4sentation von grossen Leuten in den Kriminalstatistiken ganz offensichtlich nichts mit ihrer &nbsp;<em>Gr\u00f6sse<\/em>, sondern mit ihrem <em>Geschlecht<\/em>&nbsp;zu tun hat. Niemand w\u00fcrde folglich einen Einfluss auf dieWachstumshormone oder das Abschneiden der Beine zur Pr\u00e4vention der Kriminalit\u00e4t bef\u00fcrworten&#8230;<\/p>\n<p>Aber wenn diese Argumentation doch so schl\u00fcssig ist, warum sind so viele Menschen nicht imstande ihr entsprechend zu folgen, wenn es um die Beteiligung der Ausl\u00e4nder an der Kriminalit\u00e4t geht?<\/p>\n<p>Genauso wie f\u00fcr Erwachsene, die mehr als 1,75m messen, ist es sehr einfach aufzuzeigen, dass Ausl\u00e4nder in der Kriminalit\u00e4t \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind. Ausl\u00e4nder stellen etwa 20% der Bev\u00f6lkerung der Schweiz, aber rund 50% der durch ein Schweizer Gericht verurteilten Personen dar<span style=\"text-decoration: underline;\">[<a title=\"\" href=\"#_edn1\">[i]<\/a>]<\/span>. Gleich wie f\u00fcr die Erwachsenen von mehr als 1,75m ist es jedoch relativ leicht, aufzuzeigen, dass andere Elemente als die <em>Staatsangeh\u00f6rigkeit <\/em>die Straff\u00e4lligkeit beeinflussen.<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/asile.ch\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Diapositive3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6441\" title=\"Diapositive3\" src=\"http:\/\/asile.ch\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Diapositive3.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/asile.ch\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Diapositive3.jpg 720w, https:\/\/asile.ch\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Diapositive3-300x225.jpg 300w, https:\/\/asile.ch\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Diapositive3-150x113.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/p>\n<h4><strong>II. Die wichtigsten Faktoren, die die Kriminalit\u00e4t beeinflussen<\/strong><\/h4>\n<p>Wenn man weiss, dass die \u00dcberrepr\u00e4sentation von Einwanderern in den Kriminalit\u00e4tsstatistiken ein universelles Ph\u00e4nomen ist \u2013&nbsp;das daher in allen Staaten zu beobachten ist&nbsp;\u2013 wird klar, dass sich die Problematik nicht auf die Farbe des Passes reduzieren l\u00e4sst! Welches sind jedoch die bestimmenden Faktoren? Wie in der Einleitung erw\u00e4hnt, ist das <em>Geschlecht<\/em> eine der wichtigsten erkl\u00e4renden Variablen. Tats\u00e4chlich stehen einer ausgeglichenen Vertretung von M\u00e4nnern und Frauen in der Bev\u00f6lkerung rund 85% M\u00e4nner in der Strafurteilsstatistik der Schweiz und nur 15% Frauen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Eine andere wichtige Variable zur Erkl\u00e4rung der Kriminalit\u00e4t ist das<em> Alter<\/em>. Bei einem Anteil von etwa 30% an der Bev\u00f6lkerung stellen Menschen unter 30 Jahren in der Schweiz ca. 50% der Strafurteilsstatistik dar.<\/p>\n<p>Damit h\u00e4ngen die innerhalb eines Staates begangenen Straftaten auch stark von der demographischen Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung ab. Tats\u00e4chlich zeigt sich, dass ein h\u00f6herer Anteil an Menschen, deren Geschlecht und Alter kriminogener ist (d.h. M\u00e4nner und junge Leute), mehr Kriminalit\u00e4t zur Folge hat.<\/p>\n<p>Dazu kommt noch der<em> sozio\u00f6konomische Status<\/em>, da aus den neuesten Untersuchungen hervorgeht, dass etwa 60% der Straftaten auf das Konto der ca. 37% der Einwohner in der Schweizgehen, die der Unterschicht oder unteren Mittelschicht angeh\u00f6ren. Die gem\u00e4ss Umfragen 63% der Bev\u00f6lkerung aus der oberen Mittelschicht und Oberschicht hingegen begehen ihrerseits etwa 40% der Straftaten<span style=\"text-decoration: underline;\">[<a title=\"\" href=\"#_edn2\">[ii]<\/a>]<\/span>.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr den <em>Ausbildungsstand<\/em>. So verf\u00fcgt die H\u00e4lfte unserer Bev\u00f6lkerung \u00fcber einen \u00ab\u00a0niedrigen\u00a0\u00bb Ausbildungsstand (Primar- oder Sekundarniveau, Berufsfachschule, Lehre), w\u00e4hrend diese Leute rund 68% der inhaftierten Personen ausmachen<a href=\"http:\/\/asile.ch\/2012\/10\/06\/andre-kuhn-comment-sexplique-la-surrepresentation-des-etrangers-dans-la-criminalite\/#_ftn3\">[[iii]]<\/a>.<\/p>\n<h4><strong>III. Multivariates Modell<\/strong><\/h4>\n<p>Was wir in den letzten beiden Abschnitten hergeleitet haben, zeigt, dass die Straff\u00e4lligkeit bivariat mit mehreren Faktoren verkn\u00fcpft ist. Aber dies bringt uns nicht viel weiter, da Straftaten anscheinend vor allem von grossen Leuten, von Ausl\u00e4ndern, von jungen Menschen, von M\u00e4nnern, von Armen und\/oder von weniger gut Ausgebildeten begangen werden. Von da ausgehend wird jeder seine Schl\u00fcsse ziehen, und zwar nicht auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, sehr wohl aber auf der Grundlage seiner politischen Ausrichtung. Mit anderen Worten sagen uns diese bivariaten Korrelationen nicht viel \u2013&nbsp;um nicht zu sagen gar nichts&nbsp;\u2013 \u00fcber die Straff\u00e4lligkeit. Wir werden im Folgenden daher versuchen, die Analyse zu verfeinern, um das Argument ein wenig wissenschaftlicher zu gestalten.<\/p>\n<p>Wie wir bereits gesehen haben, hat die Gr\u00f6sse als solche keinen Einfluss auf die Straff\u00e4lligkeit, sondern ist vollst\u00e4ndig in die Variable des Geschlechtes eingebunden. Wir m\u00fcssen nun noch die Gewichtung jeder der f\u00fcnf verbleibenden Variablen in Bezug auf die Straff\u00e4lligkeit bestimmen. Hierzu ist es notwendig, die oben ausgef\u00fchrten erkl\u00e4renden Variablen der Straff\u00e4lligkeit im gleichen (nun nicht mehr bivariaten sondern multivariaten) Modell aufzuf\u00fchren, das uns erm\u00f6glicht zu bestimmen, welche dieser Variablen am ausschlaggebendsten f\u00fcr die Straff\u00e4lligkeit ist, um dann den zus\u00e4tzlichen erkl\u00e4renden Wert aller anderen Variablen in das Modell einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Dabei kann beobachtet werden, dass die Variable Nummer eins zur Erkl\u00e4rung der Kriminalit\u00e4t das Geschlecht ist. Bei einem Mann ist es im Vergleich zu einer Frau daher ungleich wahrscheinlicher, dass er eine Straftat begeht<span style=\"text-decoration: underline;\">[<a title=\"\" href=\"#_edn4\">[iv]<\/a>]<\/span>. An zweiter Stelle folgt das Alter. Ein junger Mann zu sein ist somit kriminogener als irgend einer anderen Kategorie anzugeh\u00f6ren. Als drittes kommt dann der sozio\u00f6konomische Status und letztlich der Ausbildungsstand.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten ist das Standardprofil eines Kriminellen ein Mann, jung, mit sozio\u00f6konomisch bescheidenerem Hintergrund und mit einem eher geringen Ausbildungsstand.<\/p>\n<p>Wo findet sich darin die Staatsangeh\u00f6rigkeit? In der Regel erkl\u00e4rt sie keinen zus\u00e4tzlichen Teil der Varianz der Kriminalit\u00e4t. Die zugewanderte Bev\u00f6lkerung setzt sich zu einem Grossteil aus wirtschaftlich benachteiligten jungen M\u00e4nnern zusammen. Daraus geht hervor, dass die Variable \u00ab\u00a0Staatsangeh\u00f6rigkeit\u00a0\u00bb in den anderen enthalten ist und im Vergleich zu den anderen Variablen keineswegs eine zus\u00e4tzliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr Kriminalit\u00e4t bietet. Dies entspricht im einleitenden Beispiel der K\u00f6rpergr\u00f6sse, die im Geschlecht enthalten ist, da M\u00e4nner im Schnitt gr\u00f6sser sind als Frauen.<\/p>\n<p>Was wir soeben erl\u00e4utert haben, erlaubt uns auch zu verstehen, warum die Feststellung, dass Ausl\u00e4nder \u00f6fter als Staatsangeh\u00f6rige straff\u00e4llig werden, ein universelles Ph\u00e4nomen ist. Tats\u00e4chlich betrifft Migration im Allgemeinen vor allem junge und weniger oft \u00e4ltere Menschen, und M\u00e4nner eher als Frauen. Wenn man weiss, dass gerade junge M\u00e4nner den kriminogeneren Teil der Bev\u00f6lkerung repr\u00e4sentieren, so macht es auch Sinn, dass Migranten kriminogener sind, als Leute, die sich nicht vom Ort ihrer Geburt entfernen.<\/p>\n<p>Daher ist es v\u00f6llig falsch, Ausl\u00e4nder mit Staatsangeh\u00f6rigen zu vergleichen, da sich die eine Bev\u00f6lkerungsgruppe haupts\u00e4chlich aus jungen M\u00e4nnern zusammensetzt und die andere eine \u00e4lter werdende Bev\u00f6lkerung darstellt, in der beide Geschlechter zu etwa gleichen Anteilen vertreten sind. Wenn man die Kriminalit\u00e4tsrate von Ausl\u00e4ndern n\u00e4mlich mit derjenigen der einheimischen Bev\u00f6lkerung desselben Geschlechtes und sozio\u00f6konomischen Status, derselben Altersgruppe sowie desselben Ausbildungsstandes vergleicht, fallen die Unterschiede zwischen Einheimischen und Ausl\u00e4ndern weg.<\/p>\n<p>Die Staatsangeh\u00f6rigkeit kann dennoch einen kleinen Teil der Kriminalit\u00e4t erkl\u00e4ren. Dies im Sonderfall von Zuwanderern aus einem Land, das sich im Krieg befindet. So kann das gewaltt\u00e4tige Beispiel von einem Staat im Krieg bei den B\u00fcrgern eine Enthemmung bewirken. Diese B\u00fcrger werden selber gewaltt\u00e4tiger und exportieren schliesslich ihre erh\u00f6hte Gewaltbereitschaft in das Gastland. Dieses Ph\u00e4nomen ist in der Kriminologie als \u201eBrutalisierung\u201c (d.h. \u201eVerrohung\u201c) bekannt. So scheint es, dass bei der Einwanderung aus einem Land, das sich im Krieg befindet, die ersten vier Variablen (Geschlecht, Alter, sozio\u00f6konomischer Status und Ausbildungsstand) nicht ausreichen, um die Kriminalit\u00e4t zu erkl\u00e4ren. Die Staatsangeh\u00f6rigkeit findet somit in f\u00fcnfter Position auch Eingang im erl\u00e4uternden Modell. Im Gegensatz dazu hat bei der Zuwanderung aus L\u00e4ndern, die nicht im Krieg sind, die Staatsangeh\u00f6rigkeit keine weitere Bedeutung als die ersten vier Variablen.<\/p>\n<p>Dazu ist noch zu erw\u00e4hnen, dass das Ph\u00e4nomen der \u00ab\u00a0Brutalisierung\u00a0\u00bb, das wir oben angesprochen haben, auch erkl\u00e4rt, warum die Staaten, die die Todesstrafe in den Vereinigten Staaten wieder eingef\u00fchrt haben, anschliessend eine Zunahme der Gewaltverbrechen beobachtet haben<span style=\"text-decoration: underline;\">[<a title=\"\" href=\"#_edn5\">[v]<\/a>]<\/span>. Wenn der Staat selbst Hinrichtungen durchf\u00fchrt, best\u00e4rkt er die B\u00fcrger in der Idee, dass Gewalt eine geeignete M\u00f6glichkeit zur Konfliktl\u00f6sung darstellt, wodurch sich die Zahl der Gewaltverbrechen erh\u00f6ht. Der gleiche \u00ab\u00a0Brutalisierungseffekt\u00a0\u00bberlaubt wahrscheinlich auch zu verstehen, warum eine \u00fcbliche Art der Bestrafung einiger Eltern in der Schweiz ist, ihre Kinder bei einer Missetat im Zimmer einzusperren, obwohl dies vom strafrechtlichen Standpunkt her eine Freiheitsberaubung darstellt, die mit einer Freiheitsstrafe von f\u00fcnf Jahren geahndet werden kann&#8230;Wir werden also alle durch unsere jeweiligen staatlichen Systeme \u00ab\u00a0brutalisiert\u00a0\u00bb, deren Abl\u00e4ufe wir dann ohne es zu merken im kleineren Massstab wiederholen.<strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h4><strong>IV. Kriminalpolitische \u00dcberlegungen<\/strong><\/h4>\n<p>Wie wir gesehen haben, sind die Variablen, die die Straff\u00e4lligkeit erkl\u00e4ren in der Reihenfolge folgende:<\/p>\n<ol start=\"1\">\n<li>Das Geschlecht,<\/li>\n<li>Das Alter,<\/li>\n<li>Der sozio\u00f6konomische Status,<\/li>\n<li>Der Ausbildungsstand,<\/li>\n<li>Die Staatsangeh\u00f6rigkeit (manchmal).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Frage, die noch ergr\u00fcndet werden muss, ist, wie diese Erkenntnis in Pr\u00e4ventivmassnahmen gegen Straftaten umgesetzt werden kann. Nehmen wir die Variablen in der Reihenfolge ihrer explikativen Bedeutung f\u00fcr die Straff\u00e4lligkeit, so sollten politische Massnahmen in erster Linie eine Verringerung der M\u00e4nnlichkeit anstreben. Es versteht sich jedoch von selbst, dass politische Massnahmen, die die Abschaffung der M\u00e4nner oder die F\u00f6rderung von weiblichen Geburten bef\u00fcrworten nicht nur unsere Grundrechte verletzen, sondern auch unserem Sinn f\u00fcr Ethik absolut zuwiderlaufen w\u00fcrden. Die gleichen Einw\u00e4nde k\u00f6nnen gegen Massnahmen vorgebracht werden, die eine Beseitigung oder Ghettoisierung der jungen Menschen bef\u00fcrworten. Auch eine Politik der &lsquo;Verminderung der Geburtenzahlen&rsquo; w\u00e4re auf lange Sicht nicht im Interesse des Staates.<\/p>\n<p>Zu beachten ist jedoch, dass, was die Variable des Geschlechtes betrifft, die Feminisierung einer Gesellschaft nicht unbedingt durch eine physische Feminisierung stattfindet, sondern genauso gut soziologischer Natur sein k\u00f6nnte. Dies k\u00e4me einer Ablehnung der allgemein dem m\u00e4nnlichen Geschlecht zugeschriebenen Werte (z.B. Machismus) und der F\u00f6rderung der Werte, die Frauen zugeschrieben werden (z.B. Z\u00e4rtlichkeit) gleich.<\/p>\n<p>An dritter Stelle \u2013&nbsp;nach Geschlecht und Alter&nbsp;\u2013 w\u00e4re es m\u00f6glich, dar\u00fcber nachzudenken, zur Kriminalpr\u00e4vention mehr Gleichheit zwischen den Bewohnern eines Landes herzustellen, um so eine \u00ab\u00a0Zweiklassen-Gesellschaft\u00a0\u00bb zu vermeiden. An vierter Stelle st\u00fcnde die Verbesserung des Ausbildungsstandes der wirtschaftlich Schlechtestgestellten und der am wenigsten gut Ausgebildeten.<\/p>\n<h4><strong>V.<\/strong><strong> Schlussfolgerung<\/strong><\/h4>\n<p>Wenn das tats\u00e4chliche Ziel die Bek\u00e4mpfung von Kriminalit\u00e4t sein soll, und man in Massnahmen investieren m\u00f6chte, die das gr\u00f6sste Erfolgspotenzial haben, ist es unabdingbar, die die Straff\u00e4lligkeit am ehesten erkl\u00e4renden Variablen gezielt anzuvisieren. Wenn vorausgesetzt wird, dass die Ausrichtung auf Geschlecht und Alter schwer machbar und vor allem ethisch fragw\u00fcrdig ist, scheinen soziale<span style=\"text-decoration: underline;\">[<a title=\"\" href=\"#_edn6\">[vi]<\/a>]<\/span>und Bildungsmassnahmen am sinnvollsten.<\/p>\n<p>Nur verfehlt man sein Ziel beim Angriff auf Migranten genauso, wie wenn man die K\u00f6rpergr\u00f6sse ins Visier nimmt.Ausserdem ist es fraglich, ob eine Politik der Beseitigung der Ausl\u00e4nder ethisch vertretbarer ist als diejenige von jungen Menschen oder M\u00e4nnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Andr\u00e9 Kuhn, Professor f\u00fcr Kriminologie und Strafrecht an den Universit\u00e4ten Lausanne, Neuenburg und Genf<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Teile des vorliegenden Textes \u2013&nbsp;und vor allem das Ideengut, das hier vermittelt wird&nbsp;\u2013 wurden vom Autor bereits in fr\u00fcheren Texten ver\u00f6ffentlicht. Wo einige vielleicht den l\u00e4cherlichen Begriff \u00ab\u00a0Eigenplagiat\u00a0\u00bb benutzen w\u00fcrden, tendiert der Autor zur Aussage, dass es sich vielmehr um ein positives Ph\u00e4nomen handelt, da es eine logische, konsequente und vor allem konstante Denkweise widerspiegelt.<\/em><\/strong><\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref\">[i]<\/a><em>F\u00fcr genauere Daten verweisen wir den Leser auf die Website des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (http:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/portal\/de\/index.html), Rubrik 19 &#8211; Kriminalit\u00e4t, Strafrecht. Dies gilt auch f\u00fcr alle Zahlenangaben im vorliegenden Text, mit Ausnahme derjenigen, bei denen eine andere Quelle angegeben wird.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref\">[ii]<\/a><em>Quellen: Schweizer Erhebungen zu Selbstanzeige, Viktimisierung und Sentencing.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref\">[iii]<\/a><em>Quellen: Schweizer und US-amerikanische Statistiken aus dem Strafvollzug. Es gibt keine Schweizer Daten zum Ausbildungsstand verurteilter und\/oder inhaftierter Personen.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref\">[iv]<\/a><em>Dies bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass alle M\u00e4nner Straftaten begehen und Frauen nie, sondern einfach, dass es unter Kriminellen eine starke \u00dcberrepr\u00e4sentation von M\u00e4nnern gibt.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref\">[v]<\/a><em>In diesem Zusammenhang wurde die Hypothese der \u00ab\u00a0Brutalisierung\u00a0\u00bb im Bundesstaat Oklahoma von W. C. Bailey \u00fcberpr\u00fcft: \u00ab\u00a0Deterrence, Brutalization, andthe Death Penalty: AnotherExaminationofOklahoma\u2019s Return to Capital Punishment\u00a0\u00bb, Criminology, vol. 36, 1998, pp. 711ss.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref\">[vi]<\/a><em>Diesen sind auch Integrationsmassnahmen von Ausl\u00e4ndern zuzurechnen.<\/em><\/p>\n<p><\/div><\/div><\/p>\n<p><strong>Dieser Artikel ist am 28 September in \u201eVivre Ensemble\u201c erschienen (<a title=\"Andr\u00e9 Kuhn | Comment s\u2019explique la surrepr\u00e9sentation des \u00e9trangers dans la criminalit\u00e9?\" href=\"http:\/\/asile.ch\/2012\/10\/06\/andre-kuhn-comment-sexplique-la-surrepresentation-des-etrangers-dans-la-criminalite\/\">Andr\u00e9 Kuhn | Comment s&rsquo;explique la surrepr\u00e9sentation des \u00e9trangers dans les statistiques de la criminalit\u00e9<\/a>, VE 139\/septembre 2012).&nbsp;<\/strong><strong>Deutsche \u00dcbersetzung von Nadine Buchmann<\/strong><\/p>\n<p>&gt; <a title=\"Fl\u00fcchtlinge \u2013 Fakten statt Vorurteile\" href=\"http:\/\/asile.ch\/vorurteile\/\">Broch\u00fcre : Fl\u00fcchtlinge | Fakten statt Vorurteile<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vorliegenden Artikel soll versucht werden, auf einfache Weise aufzuzeigen, wie sehr die Verwendung von bivariaten Statistiken irref\u00fchrend sein kann. 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